Die Folgen der „Feierkultur“

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21. August 2016

Städte müssen nicht stinken

Wildpinkler machen selbst vor Kirchen nicht halt. Aber man kann sie stoppen

 

Zitat:

 

Münsterbaumeister Hilbert sagt: „Was hat sich denn da geändert in unserer Gesellschaft? Wie gehen wir denn mit einem nationalen Denkmal um, wenn jede Woche nur Party in der Stadt ist? Die Leute urinieren, wo sie nur stehen und gehen.“ Auch für Monsignore Kleine sind die Feiernden das größte Problem. „Wenn die ein verstecktes Plätzchen finden, dann nutzen die das.“ Bei Großveranstaltungen passiere das Wildpinkeln „am laufenden Meter“. Unwirtliche Orte habe es zwar schon immer gegeben, und „es gab immer schon Menschen, die im öffentlichen Raum ihre Notdurft erledigt haben. Aber es wird schon mehr durch die exzessive Feierei.“

 

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In vielen deutschen Städten stinkt es nach Urin. In Bahnstationen, auf Straßen, an Wänden, an Hauseingängen, in Aufzügen, an Kirchenmauern. Der Gestank ist kaum auszuhalten, und er breitet sich immer weiter aus. Der öffentliche Raum wird zur Toilette. Das hat gravierende Folgen. Hausbesitzer verzweifeln, weil der Urin in die Wande eindringt, es schließlich auch im Hausinneren stinkt. Restaurants und Läden, deren Türen oder Schaufenster vollgepinkelt werden, verlieren Kunden. Eltern können mit ihren Kindern nicht mehr auf Spielplätze gehen. Pastoren fürchten, dass ihre Kirchen irgendwann nur noch mit Uringestank in Verbindung gebracht werden. Aber das ist noch nicht alles. Denn der Gestank ist zwar das offenkundigste Übel, aber nicht das einzige. Der Urin greift auch die Bausubstanz an. Fassaden blättern ab, Steine bröckeln. Jahrhundertealte Kulturdenkmäler werden beschädigt.
     Das ist beispielsweise am Ulmer Münster der Fall. Münsterbaumeister Michael Hilbert sagt: „Oben restaurieren wir die Kirche aufwendig, unten wird sie uns weggepinkelt.“ Die Schäden sind groß, der Sandstein im Sockelbereich löst sich auf. Fünfzig Meter mussten bereits aufwendig restauriert werden. Die Arbeiten dauerten ein Jahr, es entstanden Kosten in Höhe eines sechsstelligen Betrags. Hilbert sagt: „Das Wildpinkeln nimmt vehement zu.“ Darunter leidet auch der Kölner Dom. Insbesondere die bronzenen Portale sind betroffen. Als das frühchristliche Baptisteriun für Besucher öffnete, wurde dort bereits am ersten Tag hingepinkelt. Es gibt keinerlei Hemmungen, an Gotteshäuser zu urinieren. Und auch sonst nicht. Der Kölner Domdechant Monsignore Robert Kleine sagt: „Es wird hier ja überall öffentlich uriniert, in den Tunneln um den Domplatz, der Unterführung, bei den Betriebsflächen der Deutschen Bahn, auf den Parkplätzen rund um den Bahnhof.“
     Ähnlich ist die Situation in Frankfurt. Auch dort bröckeln jahrhundertalte Steine des Doms, weil sich durch den Urin Salze darin anlagern. Bei der Stabsstelle „Sauberes Frankfurt“ heißt es: „Wildpinkeln hat massiv zugenommen. Das merken Sie schon, wenn Sie einfach durch die Stadt gehen.“ Der Gestank zieht sich durch viele Stadtteile. Jeden Morgen kämpft die Stadtreinigung gegen ihn an, versprüht in manchen Straßen sogar Lavendelduft. Kaum eine Stadt, egal ob groß oder klein, hat nicht mit dem Problem zu tun.

     Manche Städte nutzen mittlerweile einen speziellen Lackanstrich, um Wildpinkler abzuwehren. Das ist etwa am Mainzer Rathaus der Fall und an Gebäuden im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Durch den Lack soll der Urin zurückgespritzt werden. Ein anderer Lösungsansatz sind zusätzliche öffentliche Toiletten und vor allem Urinale. So gelang es in Frankfurt, das Problem in manchen Gegenden, die bei Wildpinklern besonders beliebt waren, einzudämmen. Doch es gibt immer wieder Leute, die Angebote nicht nutzen und sich auch von Bußgeldern nicht abschrecken lassen. Besonders schlimm ist die Situation bei Großveranstaltungen wie Weihnachtsmärkten, Karneval, Bierfesten, dem Oktoberfest oder Public Viewing. Im Kölner Dom müssen ie Urinbäche dann sogar mit Schiebern hinausgeschoben werden. In langen Schlangen stehen Pinkelnde auch an Rathäusern und Wohngebäuden.

     Münsterbaumeister Hilbert sagt: „Was hat sich denn da geändert in unserer Gesellschaft? Wie gehen wir denn mit einem nationalen Denkmal um, wenn jede Woche nur Party in der Stadt ist? Die Leute urinieren, wo sie nur stehen und gehen.“ Auch für Monsignore Kleine sind die Feiernden das größte Problem. „Wenn die ein verstecktes Plätzchen finden, dann nutzen die das.“ Bei Großveranstaltungen passiere das Wildpinkeln „am laufenden Meter“. Unwirtliche Orte habe es zwar schon immer gegeben, und „es gab immer schon Menschen, die im öffentlichen Raum ihre Notdurft erledigt haben. Aber es wird schon mehr durch die exzessive Feierei.“ Ein weiteres Problem, so Kleine, seien die vielen Touristen. Bei Bustouren werde den Touristen gesagt, „sie sollen nicht die Toilette im Bus benutzen. Die werden dann direkt am Platz rausgelassen und wollen sich kurz vor der Führung noch erleichtern.“
     Die Problematik kennen auch die Landesbetriebe, die sich um die Autobahnparkplätze kümmern. So heißt es beispielsweise in Nordrhein-Westfalen: „Fünfzig bis sechzig steigen aus. Vier bis fünf gehen auf Toilette. Der Rest nicht.“ Meistens sind es betrunkene Männer, die im öffentlichen Raum urinieren. Spricht man sie
auf ihr Fehlverhalten an, reagieren viele ungehalten und aggressiv. Sie betrachten es als ihr gutes Recht, zu pinkeln, wo sie wollen, und auch die Toiletten nicht zu nutzen, selbst wenn die nur wenige Meter entfernt sind. Der Gestank und die Schäden sind ihnen egal. Dabei müsste das alles nicht sein. Denn in den meisten Fällen gilt: Es wäre auch anders gegangen.


phil./pirk

 

 

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